Künstlerhaus Dortmund
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I Wanna Be Your Dog

Positionen zur Mensch-Tier-Beziehung in der aktuellen Kunst

17. Januar bis 22. Februar 2015

Kuratorenführungen:
Do. 29.01 um 18 Uhr
So. 22.02 um 16 Uhr



Die gesellschaftliche Vorstellung von Kultur in Bezug auf das Tier geht von der menschlichen Dominanz aus. Der Mensch beherrscht das Tier in jeder Form, so auch in der Kunst. Davon ausgehend kann eine Darstellung des Tieres in der Kunst immer nur aus menschlicher Sicht  sein. Wäre es anders, müsste das Tier die Möglichkeit bekommen, seine Position darzustellen, wie auch immer die geartet wäre. Eine zeitgemäße Ausstellung zur Thematik kann nicht kritisch genug sein, schon allein um der Kreatur gerecht zu werden, um die es letztendlich auch geht. Inwieweit kann aktuelle Kunst in der Darstellung der Mensch-Tier-Beziehung über ein empathisches Verhältnis hinaus die Hierarchie des Menschen "als Nabel des Universums“ überwinden? „I Wanna Be Your Dog“ ist die erste Ausstellung einer geplanten Reihe im Künstlerhaus Dortmund, mit Positionen, die den allgemein gültigen Konsens hinterfragen und nach alternativen Modellen und Utopien suchen. Die Ausstellung mit elf künstlerischen Positionen wirft einen zeitgenössischen und ethisch orientierten Blick aufs Thema. Ein Katalog mit einem Text von Dr. Jessica Ullrich*, u.a. bekannt wegen ihrer langjährigen Arbeit als Redakteurin, wissenschaftliche Mitarbeiterin/Kuratorin sowie diverser Veröffentlichungen im Bereich 'Animal Studies', ist für Anfang März geplant.

Beteiligte Künstlerinnen und Künstler:

Karin Brosa
Yvonne Diefenbach
Etta Gerdes
Afke Golsteijn / Floris Bakker
Dietmar Hippler
Anne-Louise Hoffmann
Hartmut Kiewert
Sebastian Meschenmoser
Arno Schidlowski
Martin G. Schmid
Dóra Zambó


Eröffnung am 16.01.2015




Karin Brosa

geb. 1978 in Tettnang, lebt und arbeitet in Stuttgart


Spielplatz, 2012, Öl auf Nessel, 130 x 160 cm

Ausgangspunkt  der  Malerei  von  Karin  Brosa  sind  Motive  aus  ihrer  Umgebung,  vertraute Motive,  die  sie  interessieren  und  beschäftigen,  denen  sie  sich  dann  meistens  erst zeichnerisch nähert, in der Art wie Bildzitate oder Zeitungsberichte. Die  Natur  dient  für  die  erzählerischen  Arbeiten  oft  als  Kulisse,  in  denen  sie  auf  eine künstliche Welt trifft. Aktuelles Zeitgeschehen wird reflektiert, pointiert und zum Teil ironisch kommentiert. Dabei spielt der Umgang des Menschen mit dem Tier eine wichtige Rolle. Bärenfelle dienen z.B. als Spielplatz für einen kleinen Jungen mit Fuchsmaske, ein überlebender Bär schautdabei zu. Trophäen, die sonst eher in gutbürgerlichen Wohnzimmern oder Gasthäusern zu finden sind, werden zurück an ihren Ursprungsort, den Wald, verfrachtet und wirken nun genau dort, wo sie eigentlich hingehören, völlig fehl am Platz und entfremdet. Sie bilden nun ebenfalls eine Art Wald, der absurd und künstlich erscheint. Ein "Zurück zur Natur" scheint nicht möglich.
www.karinbrosa.de



Yvonne Diefenbach

geb. 1969 in Wiesbaden, lebt und arbeitet in Köln


Getriebeschwein, Arbeit auf Fotopapier

„Now I'm ready to close my eyes. And now I wanna be your dog“. Oder deine Gans. Oder deine Raketenlibelle. Oder Schmetterlingstiger. Alles scheint möglich in den Tierwelten von Yvonne Diefenbach. In diesen nur fast monochromen Welten, die einen durch ihre geheimnisvolle, oft surreale Erscheinung in ihren Bann ziehen. Manche Arbeiten wirken wie antike taxonomische Studien, andere wiederum sind abstrakte Kompositionen aus sich wiederholenden oder neu arrangierten Details. Dabei erscheinen die Tiere auf collagenhafte Art komponiert, so als würden sie ohne den betrachtenden Blick des Menschen nicht existieren können. Und dennoch sind die Tiere in den Bildwelten der Künstlerin nie nur Objekt, sondern durch eine ihnen eigene Ironie immer Herr der Lage. Die Künstlerin arbeitet mit vorgefundenem oder eigens angefertigtem Stempelmaterial und Fotochemie direkt auf Papier. Diese analoge Herangehensweise bedingt Prozessunwägbarkeiten und schafft so authentische Unikate von nur vordergründiger Naivität. Ihre Arbeit gehört in den Bereich der experimentellen Fotografie, wobei sie sowohl auf Kamera als auch auf digitale Bearbeitungsprozesse verzichtet und sich damit in Beziehung zu den Anfängen künstlerischer Fotografie setzt.
www.yvonne-diefenbach.de



Etta Gerdes
geb. 1974 in Krefeld, lebt und arbeitet in Dortmund


Die See und das Land, 2007/08/09, Aus der Serie Die Suche nach dem verlorenen Paradies (in progress)

Die Serie zeigt Nutzpferde in arkadischen Landschaftsräumen. Die quadratischen Bilder werden meist mittig in Himmel und Erde getrennt, und diese Gegenüberstellung zieht sich durch viele Aspekte der Arbeit. Die abgebildeten Tiere sind anwesend und abwesend zugleich, die sehr erdverbundenen Pferde scheinen entrückt, die Fluchttiere stehen ewiglich. Es gibt keine Zeit, jedoch lassen manche Tiere ihr Alter erkennen. Einzig die fiktive Glückseligkeit scheint keinen Gegenspieler zu haben, der Bruch bleibt aus, der Bruch passiert in unseren Köpfen durch die Suche nach ihm, durch die Erwartungshaltung, durch das Wissen, dass spätestens einen Kilometer weiter die Wunderwelt ihr Ende findet, und das es der Ausschnitt der Kamera ist, der dieses Paradies entstehen lässt.
www.etta-gerdes.de



Afke Golsteijn / Floris Bakker
geb. in Amsterdam, leben und arbeiten ebenda


NO TITLE, NO STATUS, 2007, Präparat, 200 x 300 x 70 cm

Die künstlerische Partnerschaft von Afke Golsteijn und Floris Bakker, die zusammen besser als 'Idiots' bekannt sind präsentiert ein einzigartiges Œvre, das charakterisiert ist durch die Verwendung von tierischen Materialien, die meisterhaft in natürliche, skulpturale Objekte umgearbeitet und mit prächtigen Elementen wie Stickerei und Perlen kombiniert  wurden. Das klassische Memento Mori-Konzept erhält einen modernen Zug und stellt den aktuellen Trend zur Glorifizierung durch Marketing in Frage. In einem Spiel ständig neuer Verflechtungen zwischen Phantasie und Wirklichkeit sprechen 'Idiots' zu uns über wichtige Themen, wie Leben, Tod, Schönheit und Einschränkung. Die hervorstechende Schönheit und Lebendigkeit der Tiere in den Arbeiten rufen starke Emotionen wie Bewunderung und Inspiration hervor, bevor sie uns unserer morbiden Neugier nach den Tod preisgeben, die uns schließlich an unserer eigene Sterblichkeit denken lässt. Dieser Kontrast zwischen Schönheit, Luxus und Gier verbunden mit dem zeitlosen Mysterium des Todes versetzt uns in einen flüchtigen Bewusstseinzustand, in dem alles möglich ist.
www.idiots.nl



Dietmar Hippler
geb. 1956, lebt und arbeitet in Bottrop



Der Komponist performt mit Stimme, Trompete, Percussion und Elektronik. Zur Eröffnung führt er seine experimentelle Eigenkomposition „Die Magie der Klänge“ auf.



Anne-Louise Hoffmann
geb. 1984 in Neustadt/W., lebt und arbeitet in Mainz


First Prize Pony, 2011, Live-Performance, 15 min.

Zwei Freunde stecken unter der pferdehaft anmutenden Hülle aus aufgeplusterten Preisschleifen. Ich trainiere mit ihnen Figuren der spanischen Reitschule und Tanzschritte aus der Diskokultur. Sie synchronisieren ihre Bewegungen, spielen sich aufeinander ein und verlieren nach und nach ihre Zweisamkeit. Meine Aufgabe besteht darin, die Einheit zu unterstützen und nach Möglichkeit zu steuern. Die Kontrolle gerät zu einer Sorge und mit dem schönen Bild einer fantastischen Kreatur verquickt sich die Zumutung extremsportlicher Belastung. Das First Prize Pony markiert einen Zustand nach dem Erfolg, wenn alle Preise gesammelt unter einer fluffigen Wolke zu Benebelung und Ausnahmezustand führen.



Hartmut Kiewert
geb. 1980 in Koblenz, lebt und arbeitet in Leipzig


Halde II, 2004, Öl auf Leinwand, 100 x 150 cm

Hartmut Kiewert reflektiert in seiner Malerei und Grafik kritisch das Verhältnis des Menschen zum Tier. Mit seinen Fleischlandschaften erinnert er an die Herkunft tierischer Produkte. Angetrieben von dem Wunsch nach einer Welt ohne Herrschaft, weder zwischen Menschen noch gegenüber Tieren, bedient sich Kiewert in seinen aktuellen Arbeiten utopischer Sujets, in denen "Nutztiere" fern jeglicher Orte der alltäglichen industriellen „Verarbeitung“ zu sehen sind. So wird das befreite Hausschwein nicht zum Haustier sondern zum eigenständigen Individuum.
www.hartmutkiewert.de



Sebastian Meschenmoser
geb. 1980 in Frankfurt am Main, lebt und arbeitet seit 2014 in Berlin


Rache, 2012, Öl auf Leinwand, 160 x 140 cm

In seinen Malereien behandelt Sebastian Meschenmoser den Konflikt zwischen Mensch und Tier auf scheinbar naive, erzählerische Art und Weise. Offenbar geht es um eine Fehde zwischen Menschen und Waldtieren. Die Tierwelt scheint sich aufzulehnen und eine Revolution in Gang gebracht zu haben. Klassische Situationen wie Überfälle, Hinterhalte, Schlachten oder Lynchszenen, die aus Karl May-Erzählungen stammen könnten, tauchen immer wieder auf. Der Schauplatz ist nicht der Wilde Westen oder der Orient, sondern Wald und Flur, wie man sie aus Bildern der deutschen Romantik kennt. Die Menschen tragen jedoch Kleidung, die sich zeitlich nicht eindeutig einordnen lässt. Farbigkeit und Technik erinnern an Wild-West-Malerien von Frederic Remington aus dem 19. Jahrhundert. Die bekleideten Tiere lassen an Beatrix Potters „Peter Rabbit“ oder Fritz Koch-Gothas „Die Häschenschule“ denken. Sie verschleiern nur auf den ersten Blick die unterschwellige Brutalität, die dem Dargestellten innewohnt. Bereits mittelalterliche Buchillustrationen eines unbekannten französischen Mönches zeigen zwei Hasen, die einen Mann über dem Feuer rösten. Auf einer anderen bedroht ein Hase einen Menschen mit einer Armbrust. Horrorszenarien eines jeden Missionars wurden ironisch auf unser Verhältnis zur Natur übertragen. Dass die menschgeschaffene Zivilisation irgendwann überwältigt und von der Natur zurückerobert werden könnte, kommt der Apokalypse gleich. Meschenmosers Malereien erheben durch ihre monumentale Bildsprache einen historisch-dokumentarischen Anspruch. Durch die Absurdität des Dargestellten allerdings stellt sie die Wahrhaftigkeit der mit derselben Bildsprache arbeitenden, tatsächlich als solche gedachten Historienmalerei in Frage.
www.sebastian-meschenmoser.de



Arno Schidlowski
geb. 1975, lebt und arbeitet in Hamburg


Summa 110, 2005, C-Print, Format 40 x 40 cm

Das Werk beschäftigt sich mit dem Spannungsfeld zwischen dem instinktiven Verhalten von Tieren und der dokumentarisch-analytischen Beurteilung des Menschen als Betrachter. Schidlowski versucht, eine Verbindung beider Ebenen herzustellen, indem er sich schon im Entstehungsprozess der Bilder dem intuitiven Handeln des Tieres annähert. Ohne konkrete Vorgabe oder fest umrissenes Ziel bewegt sich der Fotograf auf sein Objekt zu, bereit, aus dem Moment heraus zu  reagieren. Es entstehen stille, geheimnisvolle Bilder aus Morphologien von Tieren und Landschaften, die sich als analytisch anmutende Ausschnitte in ihrer Kombination und Gesamtheit zu einem atmosphärischen Ganzen formen. (Elisa Braun, 2009)
www.arno-schidlowski.de



Martin G. Schmid
geb. 1968 in Urach, lebt und arbeitet in Berlin


Humanimal, Kunst am Bau-Entwurf, Universität Regensburg, 2012

Martin G. Schmid hat 2012 an einem Kunst am Bau Wettbewerb für den Neubau des Fachbereichs Biologie der Universität Regensburg teilgenommen. Die beteiligten Künstler waren in Ihren Entwürfen angehalten, sich mit der Situation vor Ort inhaltlich und räumlich auseinanderzusetzen. Schmid recherchierte und fand heraus, dass im Neubau Tierlabore gebaut werden sollten. Es war geplant, dort Tierversuche am Gehirn von Mäusen und Ratten durchzuführen. Dazu sollten die Tiere in extreme Angstzustände versetzt werden. Der Sachverhalt der Tierversuche wurde weder im Vorfeld als Information an die Künstler weitergegeben noch nach Entdeckung des Sachverhalts und Aufforderung an das Kunst am Bau Gremium durch Schmid. Schmid fertigte darauf einen Entwurf, in dem explizit Tierversuche thematisiert werden. Denn bereits im Vorfeld war klar, dass alle Entwürfe ausgestellt werden müssen. So gelang es die Tierversuche und deren Vertuschung öffentlich werden zu lassen.
www.martingschmid.de



Dóra Zambó
geb. 1978 in Sopron (Ungarn), lebt und arbeitet in Berlin, Italien und in Ungarn


Animals, 2013, Installation, verschiedene Materialien

Meine Werke stellen die Ausbeutung aller Tierarten dar, im Besonderen der sogenannten "Nutztiere". Viele Menschen zeigen ihnen gegenüber ein gleichgültiges Gefühl, da sie mit den Leiden der Tiere nicht konfrontiert sind und diese nie an die Öffentlichkeit geraten. Meine Tiere bringen diese Leiden vor die menschlichen Augen. Auf diese Weise kann es ins Bewusstsein eindringen, dass das, was man sehr oft auf dem Teller sieht, einmal ein Lebewesen war. Die Menschen haben die Empathie verloren. Ich will sie durch das Kitzeln der faulen Gehirne wieder herstellen, damit sie anfangen die Fähigkeit auszubauen das System zu durchschauen.
www.zambodora.com



* Dr. Jessica Ullrich ist Kunsthistorikerin mit dem Schwerpunkt „Tiere und Ästhetik“ und unterrichtet derzeit an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Sie (ko-)kuratierte diverse Ausstellungen zeitgenössischer Kunst, u.a. Tier-Werden, Mensch-Werden (NGBK Berlin 2009) und Tierperspektiven (Georg-Kolbe-Museum 2009) und veranstaltete 2011 die Konferenz Animals and Aesthetics an der UdK Berlin. Sie ist Mitherausgeberin von „Ich, das Tier. Tiere als Persönlichkeiten in der Kulturgeschichte“ (Reimer, 2008), Herausgeberin des Journals Tierstudien (Neofelis Verlag) und ist in Forschungsinitiativen zur Tier-Mensch-Beziehung aktiv.

www.we-animals.de/de/jessica_ullrich.html



Konzept und Organisation: Barbara Koch und Marco Wittkowski
Abbildungen Werke ©: die KünstlerInnen
Fotos Eröffnung ©: Jens Sundheim

Freundlich unterstützt durch:
Kulturbüro Dortmund, Sparkasse Dortmund, DEW 21, VG Bild/Kunst